Prognosemärkte: Sind sie legale Finanzinstrumente oder illegale Wetten?
Prognosemärkte verstehen: Eine digitale Kristallkugel
Prognosemärkte stellen eine faszinierende Schnittmenge aus Finanzen, Technologie und öffentlicher Meinung dar. Im Kern ermöglichen diese Plattformen Einzelpersonen den Kauf und Verkauf von „Anteilen“ oder Kontrakten, deren Wert an den Ausgang eines zukünftigen Ereignisses gekoppelt ist. Sei es das Ergebnis einer Wahl, der Schlusskurs eines Vermögenswerts oder die Wahrscheinlichkeit eines wissenschaftlichen Durchbruchs – die Teilnehmer „wetten“ auf das, was ihrer Meinung nach eintreten wird. Wenn ihre Vorhersage korrekt ist, erzielen sie einen Gewinn; wenn nicht, verlieren sie ihren Einsatz. Diese Märkte haben insbesondere im Kryptosektor aufgrund ihres Potenzials für dezentralen Betrieb und transparente On-Chain-Dokumentation erheblich an Bedeutung gewonnen. Ihre innovative Natur hat sie jedoch auch direkt ins Visier der Finanzaufsichtsbehörden gerückt, was eine heftige Debatte entfacht hat: Sind Prognosemärkte anspruchsvolle Finanzinstrumente oder schlichtweg eine neue Form des illegalen Glücksspiels?
Was sind Prognosemärkte?
Ein Prognosemarkt ist im Wesentlichen ein börsengehandelter Markt, auf dem die gehandelten Vermögenswerte Kontrakte sind, die basierend auf dem Eintreten eines bestimmten zukünftigen Ereignisses ausgezahlt werden. Im Gegensatz zu traditionellen Finanzmärkten, auf denen Aktien das Eigentum an einem Unternehmen repräsentieren, stellen Anteile an Prognosemärkten eine Wahrscheinlichkeit dar. Beispielsweise könnte ein Kontrakt, der vorhersagt, dass „die Q4-Gewinne von Unternehmen X die Erwartungen übertreffen werden“, bei 0,70 $ gehandelt werden. Dies impliziert, dass der Markt an eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit für dieses Ergebnis glaubt. Wenn das Ereignis eintritt, wird der Kontrakt zu 1,00 $ abgerechnet; wenn nicht, zu 0,00 $. Die Teilnehmer können diese Kontrakte zu jedem Zeitpunkt vor der Auflösung des Ereignisses kaufen oder verkaufen, was eine dynamische Preisbildung (Price Discovery) basierend auf der kollektiven Weisheit ermöglicht.
Zu den Hauptmerkmalen gehören:
- Ereignisbasierte Kontrakte: Jeder Markt konzentriert sich auf ein spezifisches, verifizierbares zukünftiges Ereignis.
- Binäre Ergebnisse: In der Regel werden Kontrakte zu einem festen Wert (z. B. 1 $) abgerechnet, wenn das Ereignis eintritt, und zu null ($0), wenn dies nicht der Fall ist.
- Marktgesteuerte Preisgestaltung: Der Preis eines Kontrakts spiegelt die aggregierte Überzeugung aller Teilnehmer hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses wider.
- Liquidität: Die Teilnehmer können Positionen eingehen oder verlassen, bevor das Ereignis geklärt ist, indem sie Kontrakte von anderen Nutzern kaufen oder an diese verkaufen.
Wie funktionieren sie?
Die Mechanik eines Prognosemarktes spiegelt oft die von traditionellen Aktien- oder Terminbörsen wider. Nutzer zahlen Gelder ein (auf Plattformen wie Polymarket oft Kryptowährungen), durchsuchen verfügbare Märkte und platzieren Aufträge zum Kauf oder Verkauf von Kontrakten.
Betrachten wir ein einfaches Beispiel: ein Markt zur Frage „Wird die neue Wirtschaftspolitik bis zum 30. Juni verabschiedet?“
- Markterstellung: Die Plattform oder ein Nutzer erstellt einen Markt für diese spezifische Frage.
- Kontraktausgabe: „JA“-Anteile und „NEIN“-Anteile werden erstellt.
- Handel:
- Wenn Sie glauben, dass die Richtlinie verabschiedet wird, kaufen Sie „JA“-Anteile, vielleicht für 0,60 $.
- Wenn Sie glauben, dass sie nicht verabschiedet wird, kaufen Sie „NEIN“-Anteile, vielleicht für 0,40 $. (Hinweis: Die Summe der „JA“- und „NEIN“-Preise für ein bestimmtes Ergebnis ergibt oft 1,00 $, was einer Wahrscheinlichkeit von 100 % entspricht).
- Je mehr Menschen „JA“-Anteile kaufen, desto höher steigt deren Preis, während „NEIN“-Anteile sinken, was das gestiegene Vertrauen in das „JA“-Ergebnis widerspiegelt.
- Auflösung: Am 30. Juni bestimmt ein unabhängiger Schiedsrichter oder ein vordefiniertes Orakel (Oracle), ob die Richtlinie verabschiedet wurde.
- Auszahlung: Wenn die Richtlinie verabschiedet wurde, erhalten Inhaber von „JA“-Anteilen 1,00 $ pro Anteil (ein Gewinn von 0,40 $ für diejenigen, die bei 0,60 $ gekauft haben). Inhaber von „NEIN“-Anteilen erhalten nichts. Das Umgekehrte geschieht, wenn die Richtlinie nicht verabschiedet wird.
Das Versprechen der Informationsaggregation
Befürworter argumentieren, dass Prognosemärkte mehr als nur spekulative Spielwiesen sind; sie sind leistungsstarke Werkzeuge zur Informationsaggregation und Prognose. Das Prinzip der „Weisheit der Vielen“ (Wisdom of the Crowds) besagt, dass das kollektive Urteil vieler unterschiedlicher Individuen oft genauer sein kann als das eines einzelnen Experten. Da die Teilnehmer einen finanziellen Anreiz haben, richtig zu liegen, sind sie motiviert, zu recherchieren, zu analysieren und relevante Informationen in ihre Handelsentscheidungen einzubeziehen. Dieser Prozess kann theoretisch zu genaueren Prognosen führen als Umfragen, Expertenrunden oder traditionelle statistische Modelle. Diese Fähigkeit bietet potenziellen Nutzen in verschiedenen Sektoren, von der strategischen Unternehmensplanung bis zur Bewertung der öffentlichen Ordnung, und schafft effektiv „Informations-Futures“.
Das rechtliche Dilemma: Finanzinstrument oder Torheit?
Der Kern der Rechtsdebatte um Prognosemärkte liegt in ihrer Klassifizierung. Sind sie vergleichbar mit regulierten Finanzderivaten, die wirtschaftlichen Nutzen bieten und Risikomanagement ermöglichen? Oder handelt es sich im Wesentlichen um Glücksspiele, die von Sportwetten oder Casinospielen nicht zu unterscheiden sind, rein zur Unterhaltung dienen und strengen Anti-Glücksspiel-Gesetzen unterliegen? Diese Unterscheidung ist entscheidend, da sie bestimmt, welche Aufsichtsbehörden zuständig sind und welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten.
Das Argument für die Einstufung als Finanzinstrument
Befürworter einer Einstufung von Prognosemärkten als legitime Finanzinstrumente ziehen oft Parallelen zu bestehenden, hochregulierten Märkten wie Futures und Optionen. Sie betonen folgende Punkte:
- Preisfindung und Informationseffizienz: So wie Aktienmärkte Informationen über Unternehmensbewertungen aggregieren, konsolidieren Prognosemärkte Informationen über zukünftige Ereignisse. Die Echtzeitpreise auf diesen Märkten können als wertvolle Indikatoren dienen, die den kollektiven Glauben des Marktes an die Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses widerspiegeln. Diese „Schwarmintelligenz“ kann oft präziser sein als einzelne Expertenmeinungen oder Umfragen.
- Hedging und Risikotransfer: Theoretisch könnten Prognosemärkte es Einzelpersonen oder Unternehmen ermöglichen, sich gegen spezifische zukünftige Risiken abzusichern (Hedging). Beispielsweise könnte ein Unternehmen, das stark von einem bestimmten Gesetzesausgang abhängt, Kontrakte kaufen, die dieses Ergebnis vorhersagen, und so potenzielle Verluste ausgleichen, falls das Ereignis nicht eintritt. Obwohl dies auf aktuellen, eher auf Endkunden ausgerichteten Plattformen seltener ist, besteht Potenzial für eine institutionelle Nutzung.
- Wirtschaftlicher Nutzen: Über reine Spekulation hinaus haben genaue Prognosen einen erheblichen wirtschaftlichen Nutzen. Unternehmen könnten diese Märkte nutzen, um Konsumtrends vorherzusehen, Regierungen könnten Wahlergebnisse oder die Auswirkungen politischer Maßnahmen prognostizieren, und sogar die wissenschaftliche Forschung könnte von marktgesteuerten Wahrscheinlichkeitsbewertungen profitieren.
- Ähnlichkeit mit Derivaten: Viele Finanzderivate wie binäre Optionen oder Futures ermöglichen es Teilnehmern, darauf zu setzen, ob ein Vermögenspreis bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein gewisses Niveau erreicht. Kontrakte auf Prognosemärkten funktionieren oft auf ähnliche binäre Weise und werden basierend auf einem Ereignis mit 1 $ oder 0 $ abgerechnet. Die Finanzstruktur kann verblüffend ähnlich sein.
Das Argument für illegales Glücksspiel
Umgekehrt betrachten Regulierungsbehörden und Kritiker Prognosemärkte oft durch die Linse des Glücksspiels und konzentrieren sich auf Aspekte, die mit traditionellen Definitionen illegaler Wetten übereinstimmen:
- Fehlen einer zugrunde liegenden Ware oder Dienstleistung: Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal für Finanzinstrumente ist oft deren Verbindung zu einem zugrunde liegenden Rohstoff (Commodity), Vermögenswert oder einer Dienstleistung. Kritiker argumentieren, dass es vielen Prognosemärkten, insbesondere solchen zu politischen Ergebnissen oder Promi-Ereignissen, an einem greifbaren Basiswert mangelt, was sie rein spekulativ macht. Im Gegensatz zu einem Aktienmarkt, an dem man ein Stück eines Unternehmens kauft, oder einem Rohstoff-Future, bei dem man den Ölpreis antizipiert, behandeln Prognosemärkte oft abstrakte Ergebnisse.
- Reine Spekulation und Unterhaltung: Für viele Teilnehmer ist die primäre Motivation das Vergnügen am richtigen Raten und das Potenzial für finanziellen Gewinn, ähnlich wie bei Sportwetten. Die Absicht ist nicht immer anspruchsvolles Risikomanagement, sondern Unterhaltung und reine Spekulation.
- Bedenken hinsichtlich des Verbraucherschutzes: Unregulierte Glücksspielmärkte führen oft zu Ausbeutung, Betrug und Sucht. Regulierungsbehörden befürchten, dass Prognosemärkte ohne angemessene Aufsicht die Teilnehmer ähnlichen Risiken aussetzen könnten, da es an Transparenz, fairer Streitbeilegung und Schutzmaßnahmen gegen betrügerische Praktiken mangelt.
- Moralische und soziale Schäden: Einige argumentieren, dass Märkte für bestimmte Ereignisse, insbesondere politische Wahlen oder sensible soziale Themen, wichtige gesellschaftliche Prozesse trivialisieren oder sogar perverse Anreize schaffen könnten.
Regulatorische Prüfung: Die CFTC und Polymarket
Die führende US-Bundesbehörde, die sich mit Prognosemärkten befasst, ist die Commodity Futures Trading Commission (CFTC). Die Zuständigkeit der CFTC ergibt sich aus ihrem Mandat zur Regulierung der US-Derivatemärkte, einschließlich Futures, Swaps und bestimmter Optionen. Die Behörde hat historisch eine vorsichtige, oft restriktive Haltung gegenüber Ereigniskontrakten eingenommen, insbesondere wenn diese politische oder soziale Themen betreffen.
Das Mandat der CFTC und „Swaps“
Die CFTC reguliert Rohstoffe und Derivate – Finanzkontrakte, deren Wert von einem zugrunde liegenden Vermögenswert, Benchmark oder Index abgeleitet wird. Der Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act von 2010 erweiterte die Befugnisse der CFTC und definierte „Swaps“ so weit, dass viele Arten von Ereigniskontrakten darunter fallen. Wenn ein Prognosemarkt-Kontrakt als „Swap“ oder eine andere Form von Derivat eingestuft wird, fällt er in den Zuständigkeitsbereich der CFTC. Dies erfordert, dass die Plattform sich als Designated Contract Market (DCM) oder Swap Execution Facility (SEF) registriert und strenge regulatorische Anforderungen erfüllt.
Der Polymarket-Vergleich von 2022
Polymarket, eine der bekanntesten dezentralen Prognosemarkt-Plattformen, wurde zu einem zentralen Fallbeispiel in diesem regulatorischen Kampf.
- Oktober 2021: Die CFTC veröffentlichte einen „Risk Alert“, in dem sie unregulierte Plattformen, die Ereigniskontrakte anbieten, davor warnte, dass sie gegen Bundesrecht verstoßen könnten.
- Januar 2022: Die CFTC reichte eine Klage gegen Polymarket ein und warf dem Unternehmen vor, eine nicht registrierte oder illegale Derivatebörse zu betreiben. Die Behörde behauptete, Polymarket biete nicht registrierte „ereignisbasierte binäre Optionen“ an, die die CFTC als illegale außerbörsliche Swaps klassifizierte.
- Vergleichsbedingungen: Polymarket stimmte einem Vergleich zu, der Folgendes beinhaltete:
- Zahlung einer Geldstrafe von 1,4 Millionen Dollar.
- Einstellung aller Märkte bis zu einem bestimmten Datum.
- Beantragung einer Registrierung als DCM oder SEF, falls sie künftig regulierte Ereigniskontrakte anbieten wollen.
- Unterlassung des Angebots nicht registrierter Swaps oder des Betriebs als nicht registrierte Einrichtung.
Auswirkungen der Entscheidung
Der Polymarket-Vergleich sandte eine klare Botschaft: Die CFTC betrachtet viele Prognosemarkt-Kontrakte als regulierte Derivate, nicht als unregulierte Spiele. Das bedeutete, dass allein der Aufbau auf einer Blockchain oder ein „dezentraler“ Betrieb Plattformen nicht von den US-Finanzvorschriften befreit. Die Forderung an Polymarket, Märkte abzuwickeln, verdeutlichte die unmittelbare Bedrohung für ähnliche Plattformen, die ohne Lizenzen arbeiten. Es unterstrich die Entschlossenheit der CFTC, diese neuartigen Finanzprodukte unter ihren bestehenden regulatorischen Rahmen zu zwingen.
Navigation durch ein Patchwork an Gesetzen: Bundesstaat vs. Bund
Eine weitere Komplexitätsebene ergibt sich aus der fragmentierten Natur des US-Rechts, in dem bundesstaatliche und bundesweite Statuten oft in Konflikt stehen oder sich überschneiden, insbesondere in Bezug auf Glücksspiel.
Inkonsistente Urteile auf bundesstaatlicher Ebene
Während die CFTC auf Bundesebene agiert, haben die einzelnen US-Bundesstaaten eigene Gesetze zu Glücksspiel und Online-Wetten. Diese Gesetze variieren drastisch: Einige Staaten haben Online-Sportwetten legalisiert, während andere strikte Verbote aufrechterhalten. Ein Prognosemarkt, der in einem Staat nicht als „Glücksspiel“ eingestuft wird, könnte in einem anderen explizit illegal sein. Dies schafft ein verwirrendes regulatorisches Patchwork für national oder international agierende Plattformen. Diese Inkonsistenz erschwert es, eine konforme Prognosemarkt-Plattform in den USA ohne explizite bundesweite Leitlinien zu betreiben.
Der Weg zum Supreme Court
Angesichts der erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen, der philosophischen Debatte über die Klassifizierung und der widersprüchlichen rechtlichen Interpretationen glauben viele Beobachter, dass die Legalität von Prognosemärkten letztlich vom Obersten Gerichtshof der USA (Supreme Court) entschieden wird. Das höchste Gericht müsste eine endgültige Auslegung darüber liefern, ob diese Kontrakte unter bestehende Definitionen von Rohstoffen, Swaps, Wertpapieren oder Glücksspiel fallen.
Spezielle Arten von Märkten könnten als Katalysatoren für eine Anfechtung vor dem Supreme Court dienen:
- Märkte für Supreme-Court-Entscheidungen: Wie erwähnt, hat Polymarket selbst Märkte über die Ausgänge von Fällen vor dem Obersten Gerichtshof gehostet (z. B. zur Rechtmäßigkeit von Zöllen). Dies schafft eine meta-rechtliche Situation, in der genau das Instrument, über dessen Rechtmäßigkeit debattiert wird, dazu verwendet wird, die Ergebnisse seiner eigenen potenziellen gerichtlichen Überprüfung vorherzusagen.
- Märkte für politische Wahlen: Die CFTC hat Märkte für politische Wahlen historisch kritisch gesehen und sie als anfällig für Manipulationen und im Widerspruch zum öffentlichen Interesse stehend eingestuft. Sollte ein solcher Markt massiv an Bedeutung gewinnen und regulatorische Maßnahmen nach sich ziehen, könnte er zu einem Grundsatzfall werden.
- Märkte mit klaren wirtschaftlichen Auswirkungen: Märkte in Bezug auf das BIP-Wachstum, Inflationsraten oder bedeutende branchenspezifische Ereignisse könnten aufgrund ihrer klaren wirtschaftlichen Relevanz Aufmerksamkeit erregen.
Ein Urteil des Supreme Court würde die dringend benötigte Klarheit schaffen und potenziell einen Präzedenzfall setzen, der entweder den Weg für regulierte Prognosemärkte ebnet oder diese in den USA weitgehend unterbindet.
Die Rolle der Blockchain und regulatorische Herausforderungen
Das Aufkommen von Prognosemärkten wurde maßgeblich durch die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen vorangetrieben. Diese technologische Basis bietet zwar Vorteile, bringt aber auch einzigartige regulatorische Herausforderungen mit sich.
Dezentralisierung und Anonymität
Viele Plattformen, insbesondere im Krypto-Bereich, streben nach Dezentralisierung. Das bedeutet, dass anstelle eines einzelnen Unternehmens Smart Contracts und eine Gemeinschaft von Token-Inhabern (DAO) die Plattform steuern könnten. Dieser dezentrale Charakter erschwert es den Regulierungsbehörden, eine einzelne verantwortliche Einheit zu identifizieren. Zudem erschweren Kryptowährungen und pseudo-anonyme Wallets die Einhaltung von „Know Your Customer“ (KYC)- und „Anti-Money Laundering“ (AML)-Richtlinien, die Standardanforderungen für regulierte Finanzinstitute sind.
Jurisdiktionelle Unklarheit
Blockchain-Netzwerke sind von Natur aus global. Ein Smart Contract für einen Prognosemarkt könnte in einem Land bereitgestellt, von Nutzern in Dutzenden anderen aufgerufen werden, während sich die Validatoren weltweit befinden. Diese grenzenlose Natur schafft erhebliche Unklarheiten bezüglich der Gerichtsbarkeit. Welches Landesrecht gilt? Kann die CFTC beispielsweise eine Dezentrale Autonome Organisation (DAO) regulieren, wenn deren Schöpfer unbekannt sind oder außerhalb der US-Grenzen ansässig sind, selbst wenn US-Bürger teilnehmen? Diese Fragen unterstreichen die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit bei der Regulierung digitaler Vermögenswerte.
Differenzierung zwischen Finanzderivaten und Wetten
Um das rechtliche Dilemma zu verstehen, ist es wichtig, die Schlüsselfaktoren abzugrenzen, die Regulierungsbehörden üblicherweise berücksichtigen, um zwischen einem legitimen Finanzderivat und einer illegalen Wette zu unterscheiden.
1. Absicht und Zweck
- Finanzderivate: Die primäre Absicht ist oft Risikomanagement, Absicherung, Preisfindung oder Kapitalbildung. Spekulation ist zwar vorhanden, findet aber in einem Rahmen statt, der auf eine wirtschaftliche Funktion ausgelegt ist.
- Glücksspiel/Wetten: Die primäre Absicht ist oft Unterhaltung, Nervenkitzel oder reiner zufallsbasierter Gewinn, ohne eine über die unmittelbare Transaktion hinausgehende wirtschaftliche Funktion.
2. Wirtschaftliche Substanz
- Finanzderivate: Leiten ihren Wert in der Regel von einem identifizierbaren Basiswert, Benchmark oder Index ab (z. B. Aktienpreis, Rohstoffpreis, Zinssatz). Sie erleichtern oft die Kapitalallokation oder den Risikotransfer innerhalb eines produktiven Wirtschaftssystems.
- Glücksspiel/Wetten: Es fehlt oft ein klarer wirtschaftlicher Bezugspunkt. Der Wert hängt oft rein von einem spezifischen Ereignis ab, dessen Ausgang möglicherweise nicht direkt mit breiteren Wirtschafts- oder Marktkräften korreliert. Die „Wette“ selbst ist die primäre wirtschaftliche Aktivität.
3. Vergleich der regulatorischen Rahmenbedingungen
- Finanzderivate: Unterliegen einer umfassenden Regulierung durch Behörden wie die CFTC (für Futures, Swaps) oder die SEC (für Wertpapiere, Optionen). Dies umfasst Anforderungen an Registrierung, Kapitalausstattung, Marktüberwachung, transparente Berichterstattung und Verbraucherschutz.
- Glücksspiel/Wetten: Werden in der Regel auf bundesstaatlicher Ebene durch Glücksspielkommissionen reguliert, sofern sie überhaupt legal sind. Die Vorschriften konzentrieren sich auf Lizenzierung, verantwortungsbewusstes Spielen und Betrugsprävention.
Die Herausforderung bei Prognosemärkten besteht darin, dass sie oft Merkmale von beidem aufweisen. Sie können Informationen aggregieren (wirtschaftlicher Nutzen), aber es fehlt oft ein traditioneller Basiswert, und für viele Nutzer ist die Motivation rein spekulativ. Diese hybride Natur macht es schwierig, sie in bestehende Rechtskategorien einzuordnen.
Die Zukunft der Prognosemärkte: Innovation wartet auf Klarheit
Trotz des aktuellen regulatorischen Gegenwinds deutet die zugrunde liegende Technologie darauf hin, dass Prognosemärkte eine Rolle in der Zukunft von Information und Finanzen spielen werden.
Vorteile über die Spekulation hinaus
Falls ein klarer regulatorischer Rahmen geschaffen würde, könnten sich Prognosemärkte zu leistungsstarken Instrumenten entwickeln:
- Verbesserte Prognosen: Unternehmen könnten diese Märkte für genauere interne Vorhersagen von Produkteinführungen oder Verkaufszahlen nutzen.
- Forschung & Entwicklung: Wissenschaftler könnten die wahrgenommene Erfolgswahrscheinlichkeit für verschiedene Forschungsansätze messen und so die Ressourcenallokation steuern.
- Bewertung politischer Maßnahmen: Regierungen könnten diese Märkte nutzen, um die öffentliche oder wirtschaftliche Wirkung vorgeschlagener Gesetze vorherzusagen.
- Versicherungsprodukte: Neue Versicherungsprodukte könnten entstehen, die es ermöglichen, sich gegen hochspezifische, derzeit nicht versicherbare Ereignisse abzusichern.
Der Weg nach vorn
Der weitere Weg für Prognosemärkte in den USA wird wahrscheinlich von fortgesetzten Rechtsstreitigkeiten geprägt sein. Ohne einen klaren Bundesrahmen werden Plattformen Schwierigkeiten haben, legal zu agieren und effektiv zu skalieren. Die Branche, Regulierungsbehörden und Rechtsgelehrte müssen sorgfältig prüfen:
- Was stellt einen „Basiswert“ für einen Prognosemarkt dar? Qualifiziert sich ein verifizierbares Ereignis wie ein Wahlergebnis?
- Wie kann Verbraucherschutz gewährleistet werden, ohne Innovationen zu ersticken?
- Wie können dezentrale Protokolle effektiv reguliert werden?
Die Debatte über Prognosemärkte ist ein Mikrokosmos des größeren Kampfes, bestehende Rechtsrahmen an sich schnell entwickelnde digitale Technologien anzupassen. Ob sie letztlich zu einer legitimen, regulierten Klasse von Finanzinstrumenten werden oder weitgehend als verbotenes Glücksspiel im Schatten bleiben, hängt davon ab, wie diese komplexen Fragen in den kommenden Jahren beantwortet werden.

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